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Wenn Sinn und Zweck sich berühren

Wenn Sinn und Zweck sich berühren (110)

May 04, 20266 min read
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Es gibt Unternehmen, die funktionieren. Und es gibt Unternehmen, die leuchten. Der Unterschied liegt selten in der Strategie, im Produkt oder im Budget. Er liegt fast immer in einer einzigen Frage, die die meisten Organisationen nie wirklich stellen: Warum sind die Menschen, die hier arbeiten, eigentlich hier?

Nicht im vertraglichen Sinne. Sondern im menschlichen. Was wollen sie erleben? Was treibt sie an, wenn niemand hinschaut? Und passt das zu dem, wofür dieses Unternehmen wirklich existiert?

John Strelecky hat in seinem Buch The Big Five for Life zwei Konzepte beschrieben, die genau hier ansetzen: die persönlichen Lebensziele eines Menschen und die Daseinsberechtigung eines Unternehmens. Die Idee, beide übereinanderzulegen, hat mich nicht losgelassen.

Nicht weil das Buch neu ist, sondern weil es einen Engpass benennt, den ich in der Arbeit mit Unternehmern immer wieder sehe. Und weil die Bottleneck Flow Strategy (BFS) eine konkrete Antwort darauf hat.

Der unsichtbare Engpass im System

In der BFS-Logik beginnt jede Analyse mit der Frage: Wo stockt der Flow wirklich? Nicht wo es am lautesten kracht. Sondern wo das System tatsächlich gebremst wird.

Bei den meisten Unternehmen, die ich begleite, ist einer der hartnäckigsten Engpässe kein Prozess und kein Marktproblem. Es ist ein Auseinanderdriften von zwei Dingen, die eigentlich zusammengehören: dem, was das Unternehmen tun will - und dem, was die Menschen, die es tun, wirklich antreibt.

Das Resultat ist kein dramatischer Knall. Es ist ein leises, kontinuierliches Auslaugen. Dienst nach Vorschrift. Innere Kündigung. Mittelmaß als Dauerzustand. Und auf der anderen Seite: ein Unternehmer, der sich fragt, warum sein Team nicht so brennt wie er selbst.

Die Antwort liegt selten beim Team.

Was Menschen wirklich antreibt

Strelecky nennt es die "Big Five for Life": Fünf konkrete Erlebnisse, die ein Mensch in seinem Leben gehabt haben möchte. In BFS-Sprache würde ich es so formulieren:

Jeder Mensch hat einen persönlichen Strategic Flow. Eine innere Ausrichtung, die bestimmt, wo seine Energie natürlich hinfließt und wo sie gegen Widerstand arbeitet.

Wer in einem Job arbeitet, der nichts mit diesem inneren Flow zu tun hat, liefert ab. Er funktioniert. Aber er schöpft nicht aus dem vollen. Das ist kein Charakterproblem. Es ist ein Systemfehler.

Die entscheidende Frage für jeden Unternehmer ist deshalb: Weißt du, was deine Mitarbeiter wirklich antreibt? Nicht was im Lebenslauf steht. Nicht was sie im Vorstellungsgespräch gesagt haben.

Sondern was sie nach Feierabend noch beschäftigt: Welche Themen, welche Ziele, welche Erlebnisse sie suchen?

Wenn du das nicht weißt, entscheidest du im Blindflug.

Der Purpose of Existence - die Daseinsberechtigung

Das zweite Konzept betrifft nicht den Menschen, sondern die Organisation. Strelecky nennt es den "Purpose of Existence" und ich übernehme diesen Begriff, weil er präziser ist als alles, was der deutsche Managementjargon dafür anbietet.

Der PFE ist nicht das Mission Statement. Nicht das Leitbild. Nicht die drei Sätze auf der Über-uns-Seite, die kein Mitarbeiter kennt.

Der PFE ist die ehrliche Antwort auf eine einzige Frage: Wozu existiert dieses Unternehmen wirklich? Was wäre verloren, wenn es morgen verschwände und für wen?

In der BFS-Logik ist ein klarer PFE kein weicher Faktor.

Er ist ein strategischer Filter. Er bestimmt, welche Kunden passen und welche nicht. Welche Mitarbeiter langfristig bleiben und welche früher oder später gehen.

Welche Entscheidungen leicht fallen und bei welchen man sich im Kreis dreht, weil das Fundament fehlt.

Ein Unternehmen ohne PFE optimiert Symptome. Mit PFE löst es Engpässe.

Die Überlappung als strategischer Hebel

Jetzt kommt der entscheidende Schritt und der, den die meisten Unternehmen nie gehen.

Was passiert, wenn du den persönlichen Strategic Flow deiner Mitarbeiter mit dem PFE deines Unternehmens übereinanderlegt?

Wenn du fragst: Wo berühren sich die Lebensziele dieser Menschen mit dem, wofür wir hier existieren?

Wenn diese Überlappung existiert - wenn sie nicht erzwungen, sondern echt ist - entsteht etwas, das sich in keinem Incentive-System kaufen lässt.

Echtes Engagement. Eigeninitiative ohne Kontrolldruck. Ein Zusammenhalt, der in Krisenzeiten nicht bröckelt, sondern trägt.

Das ist kein Soft-Thema. Es ist der härteste Hebel, den ein Unternehmer hat, weil er der schwierigste ist.

Und aus BFS-Perspektive lässt sich das klar einordnen: Diese Überlappung wirkt auf allen drei Layern gleichzeitig.

Im Strategic Flow: Weil Richtung und Energie zusammenfinden.

Im Operational Flow: Weil Menschen motivierter und eigenständiger arbeiten.

Im Reflective Flow: Weil die Frage nach dem Warum nicht mehr verdrängt wird, sondern beantwortet ist.

Ein konkretes Beispiel - aus meiner eigenen Praxis

Ich habe dieses Prinzip nicht zuerst bei meinen Kunden angewendet. Ich habe es zuerst bei mir selbst angewendet.

Einer meiner persönlichen Lebensziele lautet: "I am constantly learning and creating prosperity: building a wealthy and healthy business."

Das ist kein Motivationsslogan. Es ist ein Filter. Er bestimmt, welche Projekte ich annehme, welche ich ablasse - und wie ich meine eigene Arbeit bewerte.

Der Purpose of Existence von Sysbizz und der Bottleneck Flow Strategy lautet: "Wir bauen Unternehmen, die profitabel wachsen und in denen Menschen aufblühen statt ausbrennen."

Die Überlappung ist keine Konstruktion. Sie ist dieselbe Überzeugung, zweimal formuliert - einmal als persönliches Lebensziel, einmal als Unternehmenszweck. Wealthy and healthy. Wohlhabend und gesund. Profitabel und menschlich. Beides gleichzeitig, nicht als Kompromiss.

Mein Credo dazu: "Ich baue Unternehmen, in denen profitables Wachstum und Menschlichkeit keine Gegensätze sind. Bei mir selbst und bei meinen Kunden."

Dafür stehe ich jeden Morgen auf und das hält mich auch nachts oft wach.

Und es ist der Grund, warum ich dieses Prinzip nicht nur empfehle, sondern einfordere. Wer seinen Kunden etwas empfiehlt, das er selbst nicht lebt, hat keinen PFE. Er hat ein Produkt.

Warum das so selten passiert

Die ehrliche Antwort: Weil es unbequem ist.

Es setzt voraus, dass der Unternehmer seinen eigenen PFE wirklich kennt und nicht nur glaubt, ihn zu kennen.

Es setzt voraus, dass er bereit ist, echte Gespräche mit seinen Mitarbeitern zu führen, nicht als HR-Ritual, sondern als ernsthafte Auseinandersetzung.

Und es setzt voraus, dass er Konsequenzen zieht. Dass er Rollen anders zuschneidet. Einstellungsentscheidungen anders trifft. Vielleicht auch Trennungen anders bewertet.

Das kostet Zeit. Und es kostet die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen.

Wer das nicht tut, löst weiter Symptome. Er optimiert Prozesse, die am falschen Engpass arbeiten. Er investiert in Motivation, die nicht nachhaltig ist.

Und er fragt sich am Ende, warum das Team nicht so brennt wie er.

Fünf konkrete Schritte

Wie fängt man an? Hier ist der Einstieg, der in der Praxis funktioniert.

Erstens: Formuliere deinen eigenen PFE. Nicht für die Website. Für dich. In einem Satz, den du deinem besten Kunden erklären würdest, wenn du keine Zeit für Umwege hast.

Zweitens: Führe echte Gespräche mit deinen Mitarbeitern. Frage, was sie ausserhalb der Arbeit antreibt. Was ihnen in fünf Jahren wichtig sein soll. Was sie an ihrer jetzigen Rolle energetisiert - und was sie aushöhlt.

Drittens: Vergleiche. Wo gibt es Überlappung zwischen dem, was du als Unternehmen willst, und dem, was diese Menschen suchen? Wo fehlt sie völlig?

Viertens: Ziehe Konsequenzen. Gestalte Rollen so, dass Überlappung entsteht, wo sie möglich ist. Das muss nicht perfekt sein. Aber es muss ehrlich sein.

Fünftens: Überprüfe das regelmäßig. Menschen verändern sich. Unternehmen verändern sich. Die Frage nach der Überlappung ist kein einmaliges Projekt, sondern ein iterativer Zyklus - genau wie die BFS-Logik es vorsieht.

Was wirklich zählt

Aussergewöhnlicher Erfolg entsteht nicht durch bessere Prozesse allein. Er entsteht, wenn Menschen einen echten Grund haben, wirklich da zu sein.

Das ist keine romantische Idee. Es ist ein systemisches Prinzip.

Wer den Engpass zwischen persönlichem Sinn und Unternehmenszweck auflöst, baut etwas, das kein Wettbewerber kopieren kann. Nicht die Struktur, nicht die Prozesse. Sondern das, was entsteht, wenn Sinn und Zweck sich wirklich berühren.

Du fragst dich, wo in deinem Unternehmen der Engpass sitzt?

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Fred M Renoth

Fred M Renoth ([email protected]) ist der Gründer der Bottleneck Flow Strategy (BFS) und Unternehmer aus Überzeugung. Er verbringt seine Tage damit, Unternehmen dabei zu helfen, ihre Engpässe zu erkennen und gezielt in Wachstum zu verwandeln. Dank seiner eigenen unternehmerischen Erfahrung und finanziellen Unabhängigkeit gestaltet er sein Leben nach klaren Prinzipien statt nach äußeren Erwartungen. In seiner Arbeit teilt Fred Einblicke in Entscheidungsprozesse, Fokus und die Kraft klarer Prioritäten und zeigt, wie man ein Business aufbaut, das nicht ausbremst, sondern trägt. Unterstützt wird er dabei von einem kleinen, schlagkräftigen Team, das die digitalen und strategischen Aspekte seiner Arbeit umsetzt.

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